|
Bau der Bootfahrten
Wie
hätten sich die Menschen ihren wirtschaftlichen
Fortschritt ohne entsprechende Transportwege zunutze
machen sollen? In den Jahrhunderten vor 1600 lebten die
Bauern hauptsächlich von der Weidemast, an deren Überschuss
sich auch die Wikinger interessiert zeigten
Im 16.- und 17. Jahrhundert veränderte sich die
Landwirtschaft derart, dass vermehrter Export der
gewonnenen Güter nötig wurde. Erstmals entstand neben
der Weidemast eine ausgeprägte Milchwirtschaft,
insbesondere die Produktion von Käse. Ab 1615 betrieben
die Eiderstedter, Everschoper und Utholmer auch Ackerbau.
Wenn der Export auf Tönning konzentriert war, hatte doch
auch Garding als Handelszentrum eine große Bedeutung, so
dass die herzogliche Verwaltung einen Kanal zur Eider
planen ließ. Von Garding aus sollten in den folgenden
Jahren u. a. Käse, Häute und Speck verschifft werden.
Ein Kanalbau konnte auch den Warenimport fördern. Einführen
mussten die Gardinger wie alle Marschbewohner ihr Bauholz,
denn in der Marsch wachsen bis heute nur sehr wenig Bäume.
Es gibt keine Holzwirtschaft.
Über die Entstehung der Bootfahrten schreibt Rudolph Koop:
»Die Verbindungswege des ausgehenden Mittelalters waren
in der Marsch die Wasserstraßen. Nicht umsonst haben die
holländischen Marschen ihr weitverzweigtes Netz von Kanälen.
Und die Verkehrsknotenpunkte verfügten damals statt eines
Güterbahnhofs mit zahlreichen Rangiergeleisen über ein
Netz von Wasseradern, an denen die Speicher lagen. Darum
hat Hamburg sein verwickeltes System von Fleten, darum
auch war gerade Venedig trotz seiner Lage am äußersten
Ende eines Meerbusens, also nach heutigen Begriffen
verkehrsfern, die größte Handelsstadt des Mittelmeeres.
Die natürlichen Wasserwege aber waren einer nach dem
anderen der Bedeichung zum Opfer gefallen. Der Plan der
Holländer war daher, Eiderstedt nach holländischem
Muster zu einer von Kanälen durchschnittenen Marsch und Tönning
dementsprechend zu einem mit Fleten oder Grachten
versehenen Umschlaghafen zu machen.
Abgesehen davon, dass zu dieser Zeit viele
Wasserbauingenieure im Westen des Herzogtums Schleswig
arbeiteten und im 17.Jahrhundert schwierige
Deichbauprojekte förderten, hätten die hiesigen Kanäle
nicht ohne eine besonderte technische Neuerung entstehen können,
nämlich die Schubkarre.
Besondere Bedeutung gewann die Methode des Johann Clausen
Kloet, mit Spitznamen >Rollwagen< genannt, der bei
dem Bau der Deiche statt der schwerfälligen Störten
(dreirädrige, von Pferden gezogener Karren = Sturzkarren)
einräderige Schubkarren verwandte. Dadurch konnte man das
Material leichter zum Bauplatz bringen. Man blieb dabei
nicht, wie mit den großen Pferdewagen, im unwegsamen
matschigen Gelände stecken. »Rollwagen« führte den Bau
durch.
Die für Garding bedeutenden Kanäle, man nannte sie
Bootfahrten, wurden auf Initiative der Holländer und
Kaspar Hoyers geplant. Sein Sohn Hermann Hoyer
(1594—1622) führte das Werk zu Ende. 1613 wurde die Süderbootfahrt
von Garding nach Katingsiel fertiggestellt.
Jetzt war Garding Hafenstadt. Der Gardinger Hafen lag in
der Nähe des heutigen TUV‘s. Noch heute heißt dieser
Ort Hafenplatz. Neben ihrem Nutzen als Kanal hatte die Süderbootfahrt
-wie die übrigen
Bootfahrten auch- eine große Bedeutung für die Entwässerung.
1615 war die Norderbootfahrt von Tetenbüll nach Tönning
fertiggestellt.

Lohn der Arbeit
Die Baukosten betrugen für die Süderbootfahrt 12.700
Mark und für die Norderbootfahrt 19.500 Mark. Zum
Vergleich: Um das Jahr 1600 kostete ein Doppelzentner Weizen 7,5
Mark, ein Mastochse 14 Mark, eine Kuh 15 Mark und ein
Doppelzentner Butter 31 Mark.
Jeder, der sich überlegt, wie viele Arbeitskräfte an den
Kanalbauten mitgewirkt haben, wird feststellen müssen,
dass der wirtschaftliche Fortschritt durch die Ausbeutung
dieser Menschen möglich wurde. Bei den geringen Baukosten
kann der einzelne nicht viel Lohn für seine Strapazen
bekommen haben.
Immerhin betrug die Länge der Süderbootfahrt 6,5 km.
Hinzu kam neben anderen kleineren Kanalbauten die
Norderbootfahrt. Es müssen demnach sehr viele Arbeiter
mit dem Kanalbau beschäftigt gewesen sein.
Die Bootfahrten wurden natürlich von Hand gegraben, die
Erde mit den Rollwagenkarren abtransportiert, bei jedem
Wetter und womöglich zu jeder Jahreszeit. Wie so oft, erzählen
die Quellen in Archiven, Zeitschriften und Büchern von
diesen Menschen, die den Fortschritt tatsächlich
erarbeiteten, recht wenig.
|